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Diplomausstellung 2014


  • F+F Schule für Kunst und Design 89 Flurstrasse Zürich, ZH, 8047 Schweiz (Karte)

Diplomausstellung 2014
Studiengänge Bildende Kunst, Film, Fotografie und Visuelle Gestaltung

Vernissage: Mittwoch, 4. Juni 2014, 18 Uhr Ausstellung: 5.–15. Juni 2014

Die nüchterne, fast grafische Kohlezeichnung ist bereits von der gegenüberliegenden Strassenseite an der Fassade der F+F zu erkennen: ihr Inhalt verhält sich beinahe kontradiktorisch zur Darstellungsart, vergleicht sie doch die Rauschwirkung verschiedener legaler und illegaler Drogen. Die dezidierte Öffentlichkeit der Zeichnung steht im Gegensatz zur meist klandestinen Szene, der zwei Brüder des Künstlers Gianluca Trifilo zum Opfer fielen. Viel prekärer manifestiert sich die geschwärzte Glasplatte im Innern des Gebäudes, die sich im Sinne einer Katharsis durch die Spuren des Gebrauchs und Transports langsam vom Russ reinwäscht. Dieses Werk bildet den Auftakt zu zahlreichen Arbeiten, die sich mit ganz persönlichen Themen der Biografie beschäftigen.

Weitere Arbeiten verhandeln das gesellschaftliche und politische Umfeld oder befragen die eigene Rolle darin. Vom Befremdet sein mit der Umwelt handelt das Theater von Ali Ruhi Ahangarani, für das er im Container eigens eine Kulisse baut. Da- rin inszeniert er die seit Jahren weiterentwickelte Geschichte der blauen Puppe.

Lautete die Ausgangsfrage von Timur Geyran, ob es möglich sei, Gesichter emotionslos abzubilden, so stellte sich im Verlauf der Arbeit heraus, dass die fotografische Nähe, die Direktheit und die Qualität der Porträtierten ihnen eine eigentümliche Natürlichkeit und hohe Ästhetik verleiht.

Fasziniert vom Wesen der Schönheit, von Jugendlichkeit und Weiblichkeit, versucht Lynn Egger die Elemente dieser Klischees mit grossformatigen Fotomontagen in Kombination mit Malerei aufzuspüren. Ein Spiel von Überlagerungen, Vervielfachungen und Rekombinationen kaschiert Offensichtliches und akzentuiert Verstecktes.

Ohne der Nostalgie einer vergangenen Konsumästhetik alter Verpackungen, Reklamen und Kataloge aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu verfallen, erprobt Andrea Kuster verschiedene Zugänge, um den riesigen vererbten Nachlass ihrer Grosstante zu erschliessen. Im eigens dafür entworfenen Label vereinigt sie gleichermassen Formate der Dokumentation wie der Interpretation über eine Auswahl an Produkten.

Dem ambivalenten Verhältnis zwischen dem kulturellen Konsum elektronischer Musik und dessen urbaner Entfremdung und Verdrängung stellt Stefan Rudin die mobile Jurte entgegen, die sich dem System des mehrfach benutzen Stadtraums anpasst und diesen temporär zurückgewinnt.

Eine grössere Werkgruppe kann lose unter den Begriffen der Präsentation und der Repräsentation zu sammengefasst werden. Darunter fallen Arbeiten, die sich mit dem Auftritt und der Wirkung von Orten und Gegenständen beschäftigen. Der Versuch, eine vom Menschen geschaffene Landschaft unter Naturschutz objektiv und wertneutral zu betrachten, resultiert in einem strengen, systematischen Vorgehen: Entlang einer Flusslandschaft stellt Romy Rieser alle 13 Schritte das Stativ auf und scannt mit fünf gleichbleibenden Blickrichtungen die Ausschnitte fotografisch ab. Das Resultat ist eine normierte, durchdeklinierte Strecke, die in den stattlichen Dimensionen des Prints wieder physisch erlebbar wird.

Mit neuen Formen der Zugänglichkeit zu Werten und Daten experimentiert Andrea Trütsch. Abseits konventioneller Illustration und Repräsentation von Zahlen und Verhältnissen findet sie neue Ansätze, wie diese ebenso grafisch wie materiell und akustisch aufgezeigt werden können.

Für ein japanisches Restaurant, das schon bald die Türen eröffnet, entwirft Noi Oki den visuellen Auftritt und schafft und vermittelt so die Identität und den Charakter dieses künftigen Betriebs.

Identität und lokale Zugehörigkeit nimmt Rémy Steinmann wörtlich und entwirft sechs stereotype Embleme ebenso vieler Zürcher Stadtteile, die er auf T-Shirts druckt und damit kurzerhand seine eigene Kollektion erstellt.

«Braucht es mich als Grafiker?» lautete die Ausgangsfrage von Andreas Amstutz, denn nicht selten begegnen ihm suboptimal gestaltete Flyer und Prospekte. Mit einem ironischen Augenzwinkern entwirft er einen Design Checker, der einfache Verbesserungsvorschläge unterbreitet und auserwählten Amateurgrafikern ein Re-Design bietet.

Mit Druckerzeugnissen aus der Werbung schafft Joel Périat eine raumgreifende, begehbare Collage. Im Innern des Kubus umhüllt die Besuchenden ein vielschichtiges Panorama formalästhetischer und inhaltlicher Kontextverschiebungen. Die Technik des Risographen hat sich in der kommerziellen Nutzung zur Vervielfältigung nicht durchsetzten können.

Dass dieses Verfahren aber gerade auf gestalterischer Ebene vielfältig einsetzbar ist und sich die technischen Unzulänglichkeiten produktiv nutzen lassen, beweist Stéphanie Seematter.

Die Wesen im Lexikon von Marta Frieden finden sich in keinem Tiernachschlagewerk oder zumindest nicht ganz, denn die fiktiven, chimären Lebewesen sind Neukombinationen des Tierreichs. Individuelle Angaben zu Lebensraum, Fressverhalten sowie zur Taxonomie suggerieren das Verschwimmen der klaren Trennung von Fiktion und Realität.

Wie in den vorangehenden Jahren wird für die zahlreichen Abschlussarbeiten in der Sparte Film ein eigener Kinosaal eingerichtet. Zu sehen sind mehrheitlich Dokumentarfilme, die sich unüblichen Lebensentwürfen und schicksalshaften Realitäten widmen und dabei durch ihre Nähe zu den Protagonisten bestechen. «lebenswert» – ist dieser Titel eine Frage, eine Behauptung oder eine Feststellung? Die Hirnoperation des unter schwerer Epilepsie leidenden Jugendlichen hatte dramatische Konsequenzen für die Familie und ihre Umgebung. Evelyne Meier und David Borter begleiten die Familie und wagen existenzielle Fragen.

Das Setting des Dokumentarfilms von Annja Früh ist das Zuhause einer alten Frau, die mit 15 Roma zusammen lebt. Verständnis und Verständigung abseits einer gemeinsamen Sprache bleiben tägliche Herausforderungen, auch wenn der gegenseitige Gewinn dieser atypischen Wohnform überwiegt.

Das filmische Porträt von Isidor von Lukas Schwarzenbacher nähert sich seinerseits einem Mann an, der seit 20 Jahren im Wald lebt.

Fast diametral dazu macht sich Co- rinne Landolt auf die Suche nach dem Bünzli und befragt Wesen und Klischee des Spiessbürgers. Menschen, denen die Biederkeit im Nachnamen steckt, setzen den Startpunkt der Recherche.

Nicht ein Stereotyp, sondern die eigene Person und das nahe Umfeld liegen im Fokus des sehr persönlichen Films von Pilar Trachsel, der von ihrer Rolle als Mutter, der Erziehung ihres Kindes und gleichzeitig ihrer Rolle als Kind ihrer eigenen Mutter handelt.

Aus einem anderen familiären Kontext stammt der Protagonist im Dokumentarfilm von Alexander Boëthius. Seit dem gescheiterten Selbstmordversuch lebt der Familienvater in einem buddhistischen Kloster in Thailand, wo er nach dem veränderten Sinn des Lebens und dem Streben nach Glück befragt wird.

Das Drehbuch von Martin Cantieni mündet in einer Reise in den Balkan. In der Hoffnung, die Auflösungserscheinungen seiner Band zu verhindern und der gesellschaftlichen Einverleibung zu entkommen, verstrickt sich der Bandleader in haltlosen Versprechungen und Lügen. Und der Experimentalfilm von Silvio Rohner artikuliert sich als kurzer wilder Ritt zwischen Fantasie und unheilvoller Vision.

Eine Reihe von Arbeiten beschäftigt sich mit Themen rund um die Identität und die eigene Biografie. Fragen nach der eigenen Rolle in der Gesellschaft, der kulturellen Zugehörigkeit sowie der Verquickung der individuellen Vergangenheit mit der Geschichte bieten Anlass zum kritischen Selbststudium. Nicht selten wird dabei auf eigenes Material zurückgegriffen, das anhand fremden, objektivierten Bildmaterials analysiert wird. Es mag auf den ersten Blick erstaunen, dass sich die Diplomarbeit von Sean Dünki in diesem Kontext verortet. Die Karten im Karteikasten zeigen immerzu dasselbe Motiv, mal schärfer mal verschwommener. Erst die Information zu den verwendeten Druckfarben gibt Aufschluss: Zahnpasta, Blut und weitere rund 30 Stoffe verwandelte er zu Tinkturen alchimistischer Experimente. Die Summe dieser Elemente zeichnet wiederum eine charismatische Neugier und Faszination an Materialien und ihren Qualitäten. Selber in der Metal-Szene verankert, schrieb Susanne Früh über Facebook kurzerhand 26 Metalheads aus verschiedenen Ländern Europas an, ihr Informationen über die Szenezugehörigkeit und das Umfeld zu senden. Entstanden ist dabei eine Dokumentation, die nicht nur die stereotype Bildsprache einer Musikszene wiedergibt, sondern durch die Ergänzung mit privaten Bildern überraschende Einblicke in ebenso viele Alltage ermöglicht.

Das Drehbuch von Joelle Held handelt von einer jungen Rettungssanitäterin, die beschliesst, aus ihren schwierigen familiären Verstrickungen auszubrechen, doch zerstört ein unvorhergesehenes Ereignis dieses Vorhaben.

Zahlreiche nie abgeholte Negativstreifen, die Dijan Kahrimanovic von Fotogeschäften in Bosnien erhielt, stellten sich als reichhaltige Quelle von Familiengeschichten, Ferienerinnerungen und Geburtstagsfeiern heraus. Obwohl er die abgebildeten Leute nicht kennt, entdeckt er auffällige Parallelen mit eigenen Bildern, die während Familienferien in der zweiten Heimat entstanden sind. Durch die Durchmischung von Privatem und fremdem Bildmaterial wird deutlich, wie subjektiv Bedeutungszuschreibungen sind und wie austauschbar das Festhalten scheinbar einzigartiger Erinnerungen wird.

Wie kurze Erinnerungsmomente tauchen kurze Videosequenzen aus dem Schwarz des Monitors auf. Die vier Videos auf den Monitoren der Installation artikulieren die wagen Erinnerungen, Träume und Erzählungen von seiner Ankunft in der Schweiz, dem Leben im Aufnahmezentrum und den Stationen im jungen Leben von Liridon Sulejmani, die ihm nur zögerlich ein Gefühl von Zugehörigkeit und Heimat vermittelten.

Nicht aktuelle, sondern Bilder aus dem Jahre 1988, dem Geburtsjahr von Maria Kurz, aus Medien und persönlichen Alben, werden einander gegenübergestellt und nach Kriterien des Glücks und der Freude aber auch nach negativen Gefühlen bewertet. Die Zeichnungen geben einen tiefen Einblick des von Höhen und Tiefen durchzogenen ersten Jahres ihres Lebens.

Die Persönlichkeitsbildung durch die Familie nahm Chloé Bourgogne zum Anlass, das Bild von ihr in der Vorstellung der Mutter, des Vaters und der Schwester zu ermitteln und dieses fotografisch nachzustellen. Die Installation mit den Projektionen suggeriert eine noch immer wirkende Prägung.

Die Diplomarbeiten in diesem Jahr sind Resultate intensiver, individueller Auseinandersetzung mit ei- nem Thema, einer Technik, einer Methodik. Die Studierenden haben auf allen Ebenen experimentiert, mit Entscheidungen und Haltungen gerungen und sich mit verschiedenen Formen der Präsentation befasst. Entstanden ist eine dichte, vielseitige Ausstellung, die sich zu besuchen lohnt.


Frühere Veranstaltung: 30. November
MAKEMAKE1
Spätere Veranstaltung: 12. Oktober
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